Ich werde hier nicht von Besuchen in den beeindruckenden Moscheen, Palästen oder Parks schreiben. Auch nicht von den Einkäufen am Bazar oder dem guten Essen in der Altstadt. Auch wenn man damit wahrscheinlich Seiten füllen könnte.
Stattdessen schreibe ich von einem Spaziergang. Ein Spaziergang zu einer Straße, die uns als "Mariahilferstraße" Istanbuls angepriesen wurde.
Wir wussten zwar, dass diese Straße am Taksimplatz endet. Dem Platz, von dem die Demonstrationen ausgehen.
Aber man hat uns versichert, die Straße sei lang und die Proteste höchstens ganz oben zu spüren!
Also auf in den Shoppingwahnsinn!
Wir wollten zu Fuß gehen. Obwohl Instanbul so unglaublich riesig ist (doppelt so viele Einwohner, wie ganz Österreich!) kann man sehr viel zu Fuß erreichen. Zumindest wenn man innerhalb bestimmter Stadtgebiete bleibt.
Wir sind also einmal über diese Brücke, an der unten drann die Fischrestaurant kleben. Und von oben halten die Fischer ihre Ruten ins Wasser. Man kann hier also sozusagen dabei zusehen, wie einem das Abendessen vor der Nase aus dem Wasser gezogen wird.
Den Anfang der Straße erreicht und es war... voll! Wie können sich nur so unglaublich viele Menschen auf vergleichsweise so unglaublich wenige Raum tummeln?
Bis... bis plötzlich irgendetwas eigenartiges passiert ist. Die Stimmung hat sich ziemlich schlagartig verändert.
Als wir das bemerkten waren wir wahrscheinlich ungefähr auf halbem Weg zum Taksimplatz und wollten gerade eben wieder umdrehen und uns auf den Rückweg machen.
Es war ganz komisch. Die Leute haben sich verändert. Gerade eben hatten sie alle noch die Ruhe weg, plötzlich schienen sie ganz genau zu wissen, wohin sie wollten. Und damit will ich sagen, es gab entweder rauf oder runter. Es haben sich irgendwie zwei sich hektisch fortbewegende Menschentrauben gebildet. Rauf und runter. Und wir in der Mitte drinnen. Zwischen den zwei Polen und wussten nicht wohin. Rauf oder runter?
Die ganze Zeit über lag diese Unruhe in der Luft. Diese furchtbare Spannung.
Am Anfang haben wir wirklich noch versucht uns einzureden es wäre vielleicht das Fußballspiel. Angeblich gab es eines im Stadion gleich hinter dem Taksimplatz.
Neben uns haben die Leute zu schreien angefagen. Eher zum rufen. Immer lauter. Immer mehr. Aber nur diejenigen, die nach oben liefen. Anfeuerungsrufe?
Eigentlich haben wir es sofort gewusst. Eigentlich war vom ersten Moment an klar, das waren keine Fußballfans. Aber wir hätten es halt so gerne gehabt...
Und dann, dann war der Moment als sich vor unseren Augen ein jungern Mann eine Gasmaske über den Kopf gezogen hat.
Und dann, dann kam die Erkenntnis. Endlich...
...huch, das hier sind keine besonders übermütigen Fans, hier entsteht gerade eben, vor unseren Augen, eine der verbotenen, riesigen Demonstrationen gegen die türkische Regierung.
Da war uns dann endlich absolut klar, dass es nun an der Zeit wäre von hier zu verschwinden. Also losgegangen. Ein wenige schneller gegangen. Den nach unten Laufenden angeschlossen.
Am Weg zurück ist uns dann noch der Trupp der Polizeit entgegengekommen. Obwohl diese Polizisten nur mehr schwerlich als Polizisten zu erkennen waren. Sie kamen komplett bewaffnet. Dick geschützt. Und mit Wasserwerfern ausgerüstet. Dieser Polizeitrupp war definitiv nicht zum Schutz irgendwelcher Zivilisten im Anmarsch. Dieser Trupp war eigentlich auf dem Weg, um Krieg zu führen. Genau, wie auch die Demostranten selbst.
Istanbul. Istanbul ist groß. Bunt. Laut. Voller Leben. Anders.
Aber Istanbul ist noch so Vieles mehr als nur ein aufregendes, orientalisches Reiseziel.
Istanbul ist vor allem auch ein Schmelztiegel der Kulturen, Bräuche, Menschen und Werte. Nicht umsonst liegt diese Stadt sowohl auf dem europäischen als auch auf dem asiatischen Kontinent. Es ist eine Stadt zwischen westlicher und orientalischer Kultur.
Aber es ist auch eine Stadt zwischem strengsten Konservativismus und einer Offenheit, von der wir uns in Europa noch eine Scheibe abschneiden könnten.
Diese Stadt steht vor einem Wendepunkt. Voran in eine westlichere, offenere Kultur oder noch weiter zurück in allzu strenge, konservative Werte.
Es ist ein Kampf der jungen, aufgeklärten Bürger und Bürgerinnen gegen die korrupte, zugenähte Regierung.
Mal ganz abgesehen von der Schönheit und Lebendigkeit dieser Stadt ist es dieser Kampf der mich nachhaltig beeindruckt hat und fasziniert.
Es ist ein Kampf um Rechte, die für uns vollkommen selbstverständlich sind. Aber es ist auch ein Kampf um mehr Freiheit, Selbstbestimmung und Mitspracherecht.
Und das sind Dinge, die mir bei genauerem Hinsehen eigentlich auch bei uns fehlen.
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